Semaison: wenn Kunst Grenzen überschreitet
Die Stadt Metz hat im Rahmen des GRACE-Projekts Interreg ein Projekt zur künstlerischen Bildung begleitet, bei dem Schüler:innen aus französisch-deutschen Klassen gemeinsam kreativ wurden. An diesem Projekt nehmen die Schüler der CHAAP-Klasse (Klassen mit angepasstem Stundenplan für Bildende Kunst) des Collège François Rabelais in Metz und die Schüler der Klasse K10 des Marie-Luise-Kaschnitz-Gymnasiums Völklingen teil, betreut vom Fotografen und bildenden Künstler Hugo Petit.
Hugo Petit hat 2019 sein Studium an der École Nationale Supérieure d’Art et de Design (ENSAD) in Nancy abgeschlossen und ist als Fotograf und bildender Künstler tätig. Der aus Reims stammende Künstler spielt mit den Formen städtischer Gebäude und rückt sie dank Fotografie und digitaler Kunst in ein völlig neues Licht.
Von Anfang an war das Projekt als Dialog zwischen den Regionen konzipiert. Bei einem ersten Ausflug besuchten alle Schüler:innen die Völklinger Hütte, ein ehemaliges Stahlwerk, das zur UNESCO-Welterbestätte erklärt wurde. Vor Ort haben sie Eindrücke dieses geschichtsträchtigen Ortes eingefangen – durch Fotos, Stegreifentwürfe und Abriebe der Metalloberflächen – und damit eine visuelle Reflexion über das industrielle Gedächtnis angestoßen.
Diese Materie wurde zu einem Experimentierfeld. Am 3. März haben die Schüler:innen der CHAAP-Klasse den Künstler in ihrem Kunstraum zu einem Workshop zur künstlerischen Bildung empfangen.
Nach ihrem Besuch in der Völklinger Hütte hatten die Schüler Fotos vom Gelände gemacht und 25 Abzüge ausgewählt, die verschiedene Ansichten des Stahlwerks zeigen. Hugo Petit bat sie, aus diesen Bildern jeweils ein Foto auszuwählen und es nacheinander in 10 Minuten, 3 Minuten, 30 Sekunden, 10 Sekunden und schließlich 5 Sekunden abzubilden. Das Ziel bestand darin, zu lernen, den Blick zu vereinfachen, nur das Wesentliche festzuhalten und die grundlegenden Formen in immer kleineren Formaten zu erfassen. Die Schüler:innen haben für dieses Experiment verschiedene Materialien verwendet – Bleistifte, Farbstifte, Kohle und Zeichenpapier.
Aber abgesehen von der Reproduktion ging es auch um das Gefühl, das dabei vermittelt wurde. Anhand von freien Zeichnungen hat jeder versucht, seine sinnliche Erfahrung der Völklinger Hütte einzufangen – zwischen Faszination, Schwindelgefühl und der Erinnerung an diesen Ort.
Am 10. März besuchten die Schüler:innen der CHAAP-Klasse anschließend die Église des Trinitaires in Metz, ein historisches Bauwerk mit einzigartiger Architektur. Nach einer Führung durch den Ort durch einen Vermittler der Abteilung für Kulturerbe der Stadt Metz hatten die Schüler:innen Gelegenheit, sich von dem Ort inspirieren zu lassen. Sie setzten ihre Erkundung durch Zeichnungen vor Ort, Frottagen und Fotografie fort und schufen so ein gemeinsames Werk, das als eine Sammlung von Spuren konzipiert war.
Aus diesem Dialog zwischen der Eglise des Trinitaires und der Völklinger Hütte, den Arbeiten der Schüler:innen und den Kunstwerken von Hugo Petit entstand Semaison – ein Werk, das im Rahmen der Künstlerresidenz anlässlich der 17. Ausgabe von Parcours d’artistes entstanden ist. Im Kirchenschiff bedecken Hunderte von Schwarz-Weiß-Bildern den Boden und bilden eine Konstellation aus visuellen Fragmenten. Ein bewegendes Archiv, in dem sich persönliche Erinnerungen und der Blick der Gemeinschaft vermischen.
“ „Während einer Künstlerresidenz in Metz habe ich mit den Schülern der 4. CHAAP-Klasse des Collège Rabelais und denen der Klasse K10 des MLK Völklingen zusammengearbeitet. Gemeinsam haben wir zwei symbolträchtige Orte auf beiden Seiten der deutsch-französischen Grenze erkundet: die Église des Trinitaires und das ehemalige Stahlwerk in Völklingen. Aus diesem Dialog hat sich eine dritte Landschaft herauskristallisiert, ein Ort dazwischen“, “ — Hugo Petit
Der Höhepunkt dieses Projekts war das Abschlusstreffen, bei dem die Schüler:innen der K10 aus Deutschland und der 4. CHAAP-Klasse aus Frankreich zusammenkamen. Mit einem zweisprachigen Begleitheft ausgestattet, entdeckten sie das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit und suchten unter den Hunderten von Fragmenten, die in der Völklinger Hütte und bei den Trinitariern gesammelt worden waren, nach ihren eigenen Beiträgen.
- © Anne Lefort
Mit Hilfe eines Leitfadens haben die Schüler:innen ihre Bilder betrachtet und ihre Erinnerungen geteilt: „Welches Bild ist dir im Gedächtnis geblieben?“. Diese Erfahrung ermöglichte es ihnen, ihre persönlichen Erinnerungen mit dem Gemeinschaftswerk von Hugo Petit zu vergleichen. Ihnen wurde das Konzept der „troisième paysage“ bzw. der Dritten Landschaft erklärt: ein Zwischenraum zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen persönlicher Erinnerung und künstlerischem Schaffen, der nur dank ihrer Anwesenheit und ihres Engagements existiert.
Als sie gebeten wurden, ihre Erinnerungen wiederaufleben zu lassen – einen Geruch, ein Licht, einen Klang – wurde ihnen der Reichtum dieses künstlerischen Erlebnisses erst richtig bewusst. Denn hier gibt sich die Kunst nicht damit zufrieden, nur darzustellen: Sie verbindet und schafft einen gemeinsamen Raum.
Danksagung
Ein ganz besonderer Dank geht an die Schülerinnen und Schüler der 4. CHAAP-Klasse des Collège Rabelais und des Marie-Luise-Kaschnitz-Gymnasiums: Adèle, Alina, Amina, Bilal, Coline, Ecrin, Elisa G., Elisa R., Esnjola, Evan, Felix, Fynn H., Fynn R., Hannah, Helena, Ida B., Ida K., Lukas, Jeanne, Julie, Johanna, Jolie, Léna, Leona, Louise, Maren, Mathilda, Maximilian, Mia, Mehdi, Moritz Ma., Moritz Mü., Nikos, Nora, Oscar, Paula, Shera, Solveij, Théophile et Timéo.
Herzlichen Dank an Hugo Petit, Anne Lefort, Kunstlehrerin am Collège Rabelais, und Patricia Gérardin, Vorsitzende von „Parcours d’artistes“, für die Organisation dieses grenzüberschreitenden Projekts. Vielen Dank auch an das Lehrerteam des Marie-Luise-Kaschnitz-Gymnasiums Völklingen, Heiko Bohlinger und Korinna Willmes.
Dieses Projekt wird durch das Kooperationsprogramm Interreg 2021-2027 im Rahmen des GRACE-Projekts finanziell gefördert, das darauf abzielt, die künstlerische Bildung für alle Bürger:innen der Großregion zugänglich zu machen.



















