Vom Klang zur Materie, von der Geste zum Ton: zwei Projekte an der Schnittstelle zwischen Digitalem und Sinnlichem

Grenzüberschreitende Residenz für digitale Kunst: 2. Ausgabe

Die grenzüberschreitende Residenz für digitale Kunst geht dieses Jahr mit einer zweiten Ausgabe weiter, organisiert von Les Rotondes, der Stadt Metz und BLIIIDA. Als Zeit der Forschung und des kreativen Schaffens konzipiert, bietet sie Künstler:innen einen Rahmen, um ihre Projekte zwischen Luxemburg und Metz in direktem Kontakt mit dem Publikum zu entwickeln.

Für diese neue Ausgabe wurden die Künstlerin Amélie Samson und das Kollektiv Minuit 47 (Benjamin Gabriel und Victor Parades) eingeladen, ihre jeweiligen Projekte „Parasites“ und „AURA“ weiterzuentwickeln. Ihre Residenz begann im Dezember 2025 in den Rotondes, wo sie zwei Wochen lang an ihren Werken arbeiteten.

Diese erste Phase wurde beim Multiplica Lab am 21. Februar 2026 fortgesetzt – einem Austausch mit dem Publikum, bei dem sie Formen vorstellten, die sich noch in der Entwicklung befanden. Die dabei gesammelten Rückmeldungen und Anregungen haben dazu beigetragen, ihre Forschungsarbeit voranzubringen.

Zwei Projekte zwischen Klang, Material und Wahrnehmung

Auch wenn sich ihre Themenwelten unterscheiden, verbinden beide Projekte ein einfühlsamer Umgang mit digitalen Technologien, die als Werkzeuge zur Erforschung von Körper, Klang und Wahrnehmung eingesetzt werden.

Parasites – Amélie Samson

© Nathan Roux

Mit „Parasites“ präsentiert Amélie Samson eine audiovisuelle Installation, die ein eigentlich unauffälliges Phänomen sichtbar und fast greifbar macht: die Lärmüberflutung durch digitale Umgebungen. Ausgehend von vertrauten Geräuschen – Klicks, Benachrichtigungen, Maschinenrauschen – schafft sie organische Formen aus Silikon, die zu leben, zu atmen und sich von diesen Klangströmen zu ernähren scheinen. Angetrieben von Pumpensystemen und in Alltagsgegenstände integriert, bringen diese „Kreaturen“, die die Künstlerin „Parasites“ nennt, unsere Orientierung ins Wanken und laden dazu ein, dem Aufmerksamkeit zu schenken, was wir gelernt haben zu ignorieren. Das Werk bietet somit eine zugleich sinnliche und kritische Erfahrung, die unser Verhältnis zur Aufmerksamkeit und zu unserer Klangumgebung hinterfragt.
Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)

AURA – Minuit 47

© Nathan Roux

Das Kollektiv Minuit 47, bestehend aus Benjamin Gabriel und Victor Paredes, entwickelt mit AURA (Accessible Unified Responsive Audio) ein interaktives, kabelloses Musikgerät, das auf Sensoren basiert.

Hier entsteht Klang aus Bewegung: Gesten, Bewegungen und Interaktionen werden zu Mitteln, um Klangmaterial zu schaffen. Das System ist so konzipiert, dass es für alle zugänglich ist, und lädt zu einem intuitiven und gemeinschaftlichen Musizieren ein, bei dem jeder die Objekte nutzen und an einem gemeinsamen Erlebnis teilhaben kann, ohne dass technische Vorkenntnisse erforderlich sind.

Ihre erste Residenz im Dezember in den Rotondes in Luxemburg bot Amélie Samson und dem Kollektiv Minuit 47 optimale Arbeitsbedingungen, bei denen sich kreative Arbeit, Vermittlung und Austausch abwechselten.

© Nathan Roux

Amélie Samson konnte dort bereits entwickelte Prozesse festigen, mit einem neuen Silikon experimentieren, gemeinsam mit Schüler:innen des Bouneweger Lycée Luxembourg Tonmaterial aufnehmen und eine Zusammenarbeit mit einem luxemburgischen Musiker anstoßen.

Der Workshop mit rund dreißig Schüler:innen ermöglichte es, eine große Vielfalt an Klängen von Alltagsgegenständen einzufangen – Smartphones, Computer, Kaffeemaschinen und Automaten. Diese Aufnahmen wurden in den Soundtrack der Installation integriert.

Diese Klanginstallation entstand in Zusammenarbeit mit Sam Reinard, einem luxemburgischen Elektro-Musiker, der unter dem Namen Ryvage bekannt ist. Diese Zusammenarbeit, die von den Rotondes angeregt wurde, hat die Klangarbeit des Projekts erheblich bereichert.

 

© Nathan Roux

Minuit 47 konnte die Residenz dazu nutzen, sein System von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen testen zu lassen. Besonderes Augenmerk wurde auf die Auswahl einfacher und vertrauter Gegenstände wie Schaumstoffbälle gelegt, um eine intuitive Handhabung ohne Berührungsängste zu gewährleisten. Trotz des Zeitdrucks wurde auch ein Handschuh mit integrierten Biegesensoren entwickelt, um einen funktionsfähigen Prototyp zu gewährleisten. Für Kinder wurde die Bedienung auf eine einfache Handbewegung reduziert – das Öffnen und Schließen der Hand. Bei später durchgeführten Tests mit Jugendlichen hingegen steuerte jeder Finger ein eigenes Element, vergleichbar mit einem Schlagzeug.

Das System ist so konzipiert, dass es sich an ein breites Publikum anpasst, indem es den Schwierigkeitsgrad der Interaktionen an die Profile der Teilnehmer anpasst.

Nach dieser ersten Etappe in Luxemburg setzten die Künstler ihre Residenz in Metz fort, wo sie Anfang März 2026 zwei Wochen lang im Kultur- und Begegnungsort BLIIIDA zu Gast waren. Diese zweite Phase war ein wichtiger Meilenstein bei der Entwicklung ihrer Projekte, da sie sich auf die Ressourcen und das Umfeld vor Ort stützen konnten: Der Zugang zum Fab Lab, der Austausch mit den anderen Residenten und die Begegnung verschiedener Arbeitsweisen haben ihre Forschungsarbeiten nachhaltig bereichert. Dieses Eintauchen in die Materie fand auch in Form von Workshops und Begegnungen mit verschiedenen Zielgruppen statt, was ihre Arbeit konkret bereicherte.

Workshops mit den Studierenden der ESAL

Am Dienstag, dem 10. März, und am Donnerstag, dem 12. März, war eine Gruppe von zehn Studierenden der ÉSAL (École Supérieure d’Art de Lorraine) zu einem intensiven Workshop bei BLIIIDA zu Gast. Aufgeteilt in zwei Gruppen erkundeten sie die jeweiligen Welten von Amélie Samson und Minuit 47 mit sich ergänzenden Ansätzen, bei denen Material, Klang und Interaktion miteinander verschmolzen.

Die Beziehung zwischen Körper, Objekt und Klang

Unter der Leitung des Kollektivs Minuit 47 drehte sich der Workshop um die multisensorische Wahrnehmung und die Beziehung zwischen Körper und Objekt. Ausgehend von einem einfachen Gegenstand – einem Stein, den eine Studierende im Rahmen ihres persönlichen Projekts mitgebracht hatte – wurden die Teilnehmenden dazu angeregt, sich mit dem zu beschäftigen, was sich „unter der Oberfläche“ abspielt: das Gewicht, die Beschaffenheit, die Bewegungen, zu denen er anregt, und die Empfindungen, die er hervorruft. Mithilfe von Kontaktmikrofonen wurden die inneren Klänge des Materials aufgezeichnet und verstärkt, wodurch eine sonst nicht wahrnehmbare Dimension des Objekts zum Vorschein kam.

Diese Erkundung wurde durch eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen von Ton und Bild fortgeführt. Mithilfe von spezieller Software wie Resolume Arena haben die Studierenden damit experimentiert, akustische Merkmale in visuelle Formen zu übersetzen, und dabei Echtzeit-Interaktionen zwischen Bewegung, Tonaufnahme und Videoprojektion geschaffen. Die eingesetzten Systeme, die Kameras und Sensoren kombinierten, ermöglichten es, bestimmte visuelle Parameter – Größe, Sättigung, Formen – entsprechend den erzeugten Klängen und den ausgeführten Gesten zu verändern.

Der Workshop hat damit Denkanstöße für einen erweiterten Ansatz in der zeitgenössischen Bildhauerei gegeben, bei dem es nicht mehr nur um die äußere Form geht, sondern um ein ganzheitliches Sinneserlebnis, in dem die innere Beschaffenheit des Materials und die Beziehung zum Körper im Mittelpunkt stehen.

Die Bewegung der Materie

Parallel dazu bot Amélie Samson im Fab Lab von BLIIIDA einen Workshop zum Thema Silikon an, dem Material, das im Mittelpunkt ihrer Installation Parasites steht. Die Künstlerin hat die Studierenden dazu eingeladen, die Zusammenhänge zwischen Form, Muster und Bewegung zu erkunden, indem sie mit Hilfe von Laserschneiden Formen aus Plexiglas entworfen haben.

Die Teilnehmenden haben Strukturen entworfen und gefertigt, die aus verschiedenen Mustern bestehen – manche davon sind von organischen Formen inspiriert, andere stammen aus der digitalen oder elektronischen Welt – um zu beobachten, wie diese Muster das Verhalten des Materials beeinflussen. Nachdem die Formen fertig waren und das Silikon eingegossen war, ging das Experiment weiter: Luft wurde in die Strukturen geblasen, wodurch sich für jedes Muster eine ganz eigene Quelldynamik offenbarte.

Jeder Versuch führte zu unterschiedlichen Ergebnissen, was den direkten Zusammenhang zwischen der ursprünglichen Zeichnung und der erzielten Bewegung deutlich machte. Dieser Wechsel zwischen digitaler Gestaltung (insbesondere mit Illustrator), Fertigung und Betrachtung ermöglichte es den Studierenden, einen sowohl konkreten als auch sensorischen Zugang zum Material zu entwickeln, ganz im Einklang mit den Forschungsarbeiten der Künstlerin.

 

 

 

 

 

 

 

Anpassung des Geräts mit APF France handicap

Am Dienstag, dem 10. März, fand ein Workshop mit einer Gruppe von fünf Teilnehmenden der APF France handicap statt. Zwei Stunden lang hatten sie die Gelegenheit, die mit Sensoren ausgestatteten Geräte des AURA-Systems kennenlernen und ausprobieren. Schon bald eigneten sich alle das Gerät auf ihre eigene Weise an und experimentierten damit, wie ihre Bewegungen Klänge erzeugen konnten.

Der Austausch war besonders bereichernd. Durch Beobachtung, wie Objekte gehandhabt, angepasst und für neue Zwecke erfunden wurden, konnten die Künstler das Konzept in Echtzeit anpassen. Insbesondere wurden Sensoren am Rollstuhl einer Teilnehmerin angebracht, die jede ihrer Bewegungen in Klangvariationen umwandelten. Da sie es gewohnt war, im Rollstuhl zu tanzen, erkannte sie sofort das offensichtliche Potenzial: den Klang direkt in die Bewegung zu integrieren und den Rollstuhl zu einem echten Instrument zu machen. Sie fasste das Erlebnis übrigens so zusammen, dass sie betonte, dass sie ausnahmsweise einmal nicht nur Musik gehört, sondern selbst Teil davon sein konnte.

Auch andere Experimente haben vielversprechende Perspektiven eröffnet. Eine Teilnehmerin, die blind, taub und stumm ist, konnte die Schallschwingungen über einen Lautsprecher spüren und so Musik auf eine andere Art und Weise entdecken – mit ihrem Körper. Diese Situationen haben gezeigt, dass AURA in der Lage ist, ein wirklich barrierefreies Erlebnis zu bieten, das sich an die Wahrnehmungen und Gewohnheiten jedes Einzelnen anpasst.

 

 

 

 

 

 

 

Wahrnehmungen aus anderer Perspektive

Am nächsten Tag wurde diese Auseinandersetzung in einem zweiten Workshop mit einer Gruppe sehbehinderter und blinder Menschen der Vereinigung Les Auxiliaires des aveugles – Moselle fortgesetzt. Ohne visuelle Orientierung entwickelten die Teilnehmenden ein besonderes Gespür für Berührungen, Vibrationen und den Klangraum.

Es wurden verschiedene Gegenstände getestet: Bälle in unterschiedlichen Größen, die jeweils einen eigenen Klang erzeugen, ein Handschuh mit Sensoren, der Instrumentenbewegungen nachahmen kann, und eine sensorische Matte, die von Naturlandschaften inspiriert ist. Durch das Berühren mit den Händen ließen sie Klangwelten entstehen – Wald, Berge, Himmel oder Vulkan – die nach und nach ein echtes Sinneserlebnis bildeten.

Aus den Gesprächen sind auch ganz konkrete Ideen für den Alltag hervorgegangen. Ein blinder Teilnehmer, der regelmäßig Boule spielt, hat zum Beispiel darauf hingewiesen, dass es sinnvoll wäre, die Kugeln mit einem Geräusch auszustatten, damit man sie im Raum besser orten kann. Feedback dieser Art, das direkt aus der Praxis stammt, eröffnet neue Anwendungsmöglichkeiten für das System, die weit über den künstlerischen Bereich hinausgehen.

Diese Workshops haben gezeigt, wie sehr das Projekt im Austausch mit den Teilnehmenden entsteht. Der Austausch war für die Künstler ebenso inspirierend wie für die Teilnehmenden, da jeder seine eigene Sichtweise, seine Gewohnheiten und seine Ideen einbrachte. So nimmt AURA im Laufe der Erfahrungen Gestalt an, in einem ständigen Dialog zwischen künstlerischem Schaffen und gelebter Realität.

Fachtreffen zum gegenseitigen Austausch

Am Donnerstag, dem 12. März, fand bei BLIIIDA zudem ein Fachtreffen statt, bei dem sich Akteure aus den Bereichen Kultur, Technologie und Sozialwesen zu einem fachlichen Austausch trafen.

Bei dieser Gelegenheit konnten die Künstler:innen den aktuellen Stand ihrer Projekte vorstellen und sich über die Themen austauschen, mit denen sie sich beschäftigen, insbesondere in Bezug auf Barrierefreiheit, digitales Schaffen und Anwendungsmöglichkeiten. Diese Gespräche haben dazu beigetragen, dass sich unterschiedliche Sichtweisen begegnen konnten, und neue Wege der Zusammenarbeit aufgezeigt.

Nächster Schritt: Abschluss der Residenz im Juni 2026

– Das Interview mit Amélie Samson: hier (Parasites – Amélie Samson Die störende Wirkung der Geräusche widerspiegeln, die uns umgeben | Rotondes – Kulturelle Entdeckungen)

– Das Interview mit Minuit 47: hier (AURA – Minuit 47 Den Menschen ein völlig neues kollektives Musikerlebnis bieten | Rotondes – Kulturelle Entdeckungen)

Erleben Sie den Abschluss der Residenz am 25. und 26. Juni 2026 im BLIIIDA anlässlich des Starts der 10. Ausgabe des internationalen Festivals Constellations in Metz, um die Künstler:innen zu treffen, das AURA-Konzept zu erleben und in die Welt von Parasites einzutauchen.